Roots

Fast eine Weihnachtsgeschichte

Für Kaja David, die uns Anfang der Achtziger als Fan mit der Gruppe U2 und deren Hintergrund vertraut machte. Thanks for that.

Hier ist eine Idee, das erste Mal vor Jahren um die Weihnachtszeit aufgeschrieben, wie sich die vier Mitglieder der Gruppe im Jahr 1975 alle gemeinsam gesehen und wahrgenommen haben könnten 🙂

 

„Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. So ein Blödsinn!“ Paul sah auf seine Stiefel, stapfte kurz mit den Füßen auf und ging weiter. Es hatte aufgehört zu schneien und der Wind pfiff nicht mehr ganz so stark um die Ecken. Die alte „Fia“ Warren hatte es schon im Herbst prophezeit, dass es ein kalter Winter werden würde. Nach „Fia“ richteten sich mehr Leute im Ort, als nach den offieziellen Wetterberichten.  Paul war auf dem Weg ins „Cafè Blue“. Wieso der Treffpunkt „Cafè“ hieß wußte kein Mensch, aber es war ein akzeptabler Ort um sich aufzuhalten ehe um acht Uhr das Kinoprogramm begann.   Paul blieb wieder stehen, fuhr sich über seine Strubbelhaare und suchte ein Taschentuch um sich die Nase zu putzen. Dabei überlegte er, ob er sich wieder mal den Beginn des Nachmittags verdorben hatte, weil er den Artikel in den „Irish News“ gelesen hatte. In der Weihnachtszeit worden ja bekanntlich die meisten Menschen melancholisch und so hatte einen der Verfasser des Artikels auch nicht verschon.  „Man vergesse Lateinamerika, Bangla-Desh und Afrika.“ murmelte Paul während er das Taschentuch wieder in seine Manteltasche stopfte. „Man vergesse den ganzen Blödsinn, der im eigenen Land passiert. Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.“ Er stapfte weiter. „Es ist nicht zum Aushalten.“  Er überquerte die Fahrbahn während er sich den Kragen hochhielt, stieß dann auf der gegenüberliegenden Seite die Stiefelspitzen gegen die unterste Stufe um sich den Schnee abzuklopfen und stieg die Stufen empor.   Oben angekommen stieß er die äußere Pendeltür mit dem Ellenbogen auf und wäre um ein Haar mit Patsy Hickford aus seiner Nachbarklasse zusammengestoßen, die gerade auf dem Weg nach draußen war. Sie erschrak und wich zurück. Er blieb stehen und hielt die Tür auf. „Willst du da festwachsen?“ fragte er als er sah wie sie zögerte. Sie ging schnell an ihm vorbei und beeilte sich die Treppe herunter zu kommen. Auf der untersten Stufe drehte sie sich noch einmal kurz um. Paul verzog den Mund zu einem etwas windschiefen Grinsen, ließ die Tür zu pendeln und rieb sich kurz die Hände bevor er im kleinen Vorraum die eigentliche Tür öffnete.  „Wer weiß, was sie ihren Freundinnen erzählt.“dachte er beim Hineingehen. Er wusste, dass einige der Schüler nicht viel mit ihm zu tun haben wollten. Sie kamen mit seiner Art nicht klar. Weder mit seiner eigenwilligen Strubbelfrisur, noch dass er zum Eigenbrötlertum neigte. Nicht mit seinem, für einem Fünfzehnjährigen, reichlich ernsten Gesicht noch mit der Art wie er über manche Dinge sprach. Er wusste, dass manche der Jungen fürchteten von ihm eins auf die Nase zu bekommen. Wenn er über den Schulhof ging hatte er die Angewohnheit, während er über etwas nachdachte, ab und zu die Augenbrauen zusammen zu ziehen. Er hatte keine Lust den Leuten zu erklären, dass er im Grunde harmlos war. Wenn sie nicht wie er über die Verlogenheit in der Welt wütend werden konnten gab es zwischen ihnen keine Gemeinsamkeiten. Schluss, aus, fertig!  Paul ging zum Ausschank und kaufte sich eine Cola. An der Musikbox stand ein blonder Junge mit niedlichem Gesicht. „Ist in dieser Box nun „Satelite Love“ von Lou Reed oder nicht!“ rief er zu Kevin hinter der Theke. Kevin schüttelte den Kopf. „Dann vielleicht „Smoke on the Water“ von Deep Purple?“ Erneutes Kopfschütteln. Paul, der mit nicht ganz so guten Nerven ausgestattet war wie Kevin, griff seine Cola und stand auf. „Es wird das drin sein was auf den Tasten steht.“ sagte er die Tür zum Nebenzimmer anpeilend.   „Was auf den Tasten steht?“ Der drollige Mund des Typen verzog sich zu einem breiten Grinsen und Pauls Augenbrauen kamen seinen Augen etwas näher. „Verschone mich, du Nervensäge.“   Das Grinsen wurde noch breiter. “ Du bluffst. Dein Gesicht sagt mir, dass du ein netter Mensch bist. Also Frieden.“  „Und den Menschen ein Wohlgefallen.“ setzte Paul hinzu, die Tür zum Nebenzimmer eilig hinter sich zu ziehend. Er hörte den Typen mit einer sehr jungen Stimme auflachen. Die Nervensäge war nicht im geringsten beleidigt und verstand auch noch etwas von Musik.  Paul durchquerte das Nebenzimmer, in dem ein paar Leute an den Tischen saßen und sich unterhielten oder lasen. Ein Junge mit Brille, den er bei einem Konzert der Gruppe „Mud“ im „Rudimental“ gesehen hatte, saß den Kopf in die Hände und die Ellenbogen auf den Tisch gestützt und las „Briefe von Keats“. Daneben lag Flann O´Briens „Der dritte Polizist“. Das machte mit der Nervensäge zusammen schon mal zwei Typen, die ein wenig wussten, was um sie herum geschah. Bis jetzt war der einzige vernünftige Mensch, in seiner näheren Umgebung mit dem es sich lohnte seine Freizeit zu verbringen, David gewesen. Er verließ den Raum, ging den schmalen Flur entlang and den Toiletten und dem sogenannten Billardzimmer vorbei auf die am Ende gelegene Doppeltür zu. Er hörte ferne Klaviermusik. Wenn ihn sein Instinkt nicht im Stich ließ, war das tatsächlich David, der auf dem alten Klavier spielte. Das Monstrum stand im „Übungsraum“. Wie die Typen aus der Umgebung ihn nannten, die „Musikgruppen“ gegründet hatten und das „Blue“ ab und zu mit ihrem „Können“ beglückten. Paul hatte das Gefühl das keiner diesem Klavier solche Töne entlocken konnte wie sein Freund. Er öffnete die Tür und sah hinein. Richtig, David saß an dem Instrument und spielte den ersten Satz eines Stücks von Bach. Paul wusste es nur, weil David es ihm schon mal gesagt hatte. David sah auf und hörte auf zu spielen. Ein leichtes Lächeln erhellte seine Züge. Pauls Gesicht wurde um vier bis fünf Längen-und Breitengrade freudlicher während er auf das Klavier zu ging. Sie begrüßten sich. „Warum spielst du nicht mehr?“ Paul stellte seine Cola auf dem Klavier ab und stützte seinem Arm auf. David sah zu ihm hoch. „Vielleicht gefällt es dir nicht.“ „Hey, würde ich sonst hier rein kommen?“ David ansehend neigte er den Kopf zur Seite, sein Mund teilte sich wieder zu einem freundschaftlichen Grinsen. David lächelte erneut, senkte die Augen zum Klavier und spielte die ersten Takte von Leonard Bernsteins „Candide“. Paul hörte zu. Er verstand wirklich nicht viel von dieser Musik aber er mochte Davids Art zu spielen. Er dachte an die Gespräche, die sie immer führten. David machte es ihm nie zum Vorwurf, dass er sich Gedanken machte. Ihm waren seine Haare und seine verwaschenen Jeans piepegal. Er ließ sich nicht davon abschrecken wenn er mal finster dreinsah. „Lieber Gott, wenn es dich da oben gibt dann habe ein Auge auf David.“dachte er. „Beschütze mir meinen Freund!“ Das Klavier verstummte wieder. Die Augen, die immer so sanft in die Gegend sahen, blickten erneut zu ihm hoch. Die Leute würden in dieses Gesicht immer ein Lächeln assoziieren während man seine Gesichtsgymnastik immer mit Grinsen oder Schmunzeln umschreiben würde. David wurde wieder ernst. „Was machst du Weihnachten?“ Paul setzte sich zu ihm und erwiderte: „Mit Dad, Norman und ein paar Verwandten feiern. Es ist nicht mehr so – seit Mum…“ Er verstummte.  „Ich weiß“ sagte David “ was ich eigentlich wissen wollte ist, ob du am Boxing Day schon etwas vor hast. Ich spiele im „Glengeary Road Upper“ ein kleines Weihnachtskonzert und wollte um deine Rückenstärkung bitten.“  „Um meine? Willst du vierhändig mit mir spielen?“     David lachte. „Nein. Du brauchst einfach nur mit zu kommen.“  „Das kann was werden. Wir beide in einem Altenheim. Aber Spaß beiseite, ich bin dabei.“  „Das habe ich mir gedacht.“  „Klar doch.“   Sie unterhielten sich noch einige Augenblicke und Paul versuchte sich am Ragtime-Stück aus dem Film „Der Clou“ worauf David dermaßen gekonnt das Gesicht verzog, dass er es lachend aufgab.  Sie gingen gemeinsam in den Aufenthaltsraum zurück, der etwas voller geworden war. Der Brillenjunge saß immer noch am äußersten Seitentisch und las. Er nahm die rechte Hand nur ab und zu vom Kinn um zu blättern.   Sie setzten sich an den Nebentisch. Paul bemerkte nach einer kleinen Weile, dass drei Jungen unterschiedlichen Typs, darunter auch seine Nervensäge, am Tisch rechts von ihnen Platz genommen hatten. Dieser einmalige Mund griente schon wieder in die nächstliegende Umgebung während die blauen Spitzbubenaugen den bebrillten Lesejungen fixierten.  „Wenn der so weiter macht kriegt er ein Doppelkinn.“ sagte er vergnügt. Der Typ hob den Kopf, blickte in das grinsende Lausbugengesicht , schob seine Brille zurecht und verzog den Mund….zu einem nachsichtigen Lächeln. Er schien genau so ein gutmütiger Typ wie Kevin zu sein. Der Einzige an dessen Nerven dieser Bengel zupfte war anscheinend Paul. Das konnte endlos so weiter gehen. Er konnte nicht verhindern, dass sich der allbekannte Paul – Hewson-Ausdruck in sein Gesicht schlich während er auf die neben ihm kippelnden Stuhlbeine sah. „Und wenn du so weiter machst fällst du auf die Schnauze.“bemerkte er mit Nachdruck. Der Blondling versuchte sein Lächeln bei ihm anzubringen aber Pauls Mundwinkel schienen sich verhakt zu haben. Der Kleine öffnete erneut den Mund um etwas zu sagen aber der Junge mit dem schwarzen Pferdeschwanz zu seiner Rechten kam ihm zuvor. „Ist schon richtig, Larry. Wenn du so weiter kippelst brichst du dir wirklich noch mal die Ohren.“  Paul hatte sich wieder David zugewandt. „Manche müssen echt mit Kindermädchen hier auftauchen.“ Er nahm einem Schluck Cola.  „Na ja“ vernahm er die Stimme hinter sich.   „Komm, wir holen noch etwas zu trinken.“ ließ sich die Stimme des Pferdeschwanzjungen wieder vernehmen.  Das Geräusch von zurück geschobenen Stühlen und die beiden gingen in Richtung Tür. Paul streifte sie mit dem Blick und erkannte den Schwarzhaarigen von der Seite. Vor fast einem Jahr waren sie auf dem Schulhof mal zusammen gerasselt. Der Typ wusste welche Handschrift er schrieb und beeilte sich eine Schlägerei zu verhindern. Dabei hatte er eigentlich nicht vor dem Kleinen weh zu tun. Der sollte bloß aufhören so kindisch herum zu nerven. Er sah zu David, der ihm unbeirrbar ruhig ins Gesicht sah. Erneut nach seiner Cola greifend bemerkte er wie seine Mundwinkel sich leicht nach oben verschoben. „Gilt das mit dem Kindermädchen auch für mich?“  Er sah zum Nebentisch. Der eifrige Leser hatte sich seine Brille abgenommen und blickte ihn erwartungsvoll und nicht die Spur feindselig an. Er schüttelte den Kopf. „Nö.“   „Trotzdem danke für dein Zuvorkommen.“ Die Augen des Keats- und O´Brien-Fans beschrieben den kaum merklichen aber sehr reizvollen Silberblick vieler Kurzsichtiger. Mädchen würden seine Gesichtszüge sicher für hübsch halten. Sein Lächeln war ansteckend. Paul bemerkte wie sich sein Mund immer mehr Richtung Wangenmitte ausbreitete. Auch Davids Gesicht beinhaltete sein bekanntes Franziskanerlächeln.  „Hast du Lust eins weiter zu rücken?“hörte Paul sich sagen. Der Typ nahm Bücher und Brille und setzte sich an ihren Tisch.  „Wie heißt duß“  „Adam.“   „Hallo Adam. Das ist David und ich bin Paul. Wie gefällt dir „Der dritte Polizist“?“

 

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