Besondere Begegnungen 5

Ich freute mich darauf, auf ein instinktives Gefühl achtend, am Montag Frau Habolt von meinen Begegnungen zu erzählen.   Nach meinem Bericht an sie am frühen Montagnachmittag bat sie mich, am nächsten Tag bei meiner Ankunft im Wohnungsflur zu warten.  Sie wolle mir etwas Besonderes zeigen und ich solle es so schnell wie möglich sehen.   Ich war gespannt und klngelte am nächsten Tag unser Klingelzeichen. Frau Habolt öffnete lächelnd und sagte dann, dass sie mich gleich ins Wohnzimmer rufen würde.   Ich wartete einige Augenblicke dann wurde meine Spannung anscheinend zu groß für mich.   „Frau Luise, alles in Ordnung?“ rief ich in Richtung Wohnzimmertür.   „Alles in bester Ordnung.“ kam ihre muntere Stimme zurück. „Sie können kommen.“   Gespannt trat ich in das Wohnzimmer.   „Kommen Sie zu mir, meine Liebe.“ Frau Habolt saß am Fenster in ihrem gemütlichen Sessel. Sie lehnte sich an bequeme Kissen und hatte das Fußende höher gestellt. Ich bemerkte das Album auf ihrem Schoß. Ich setzte mich neben sie und wir sahen uns ihre Fotos an.   „Hier bin ich ungefähr zwölf Jahre alt.“ sagte Frau Habolt und blätterte dann um. Zwischen den nächsten Seiten lag eine Zeichnung. Sie nahm sie und öffnete das Blatt behutsam. „Um diese Zeit habe ich die Zeichnung von dem Mädchen gemacht.“ Sie reichte mir das Blatt.   Im ersten Moment glaubte ich mich getäuscht zu haben. Nach genauerem Hinsehen war mir klar, dass kein Irrtum vorlag.   Das kleine Mädchen war sehr gut getroffen. Das Haar war mit heller gelber Farbe ausgemalt. Zwei weiße Schleifen am Ende der Zöpfe. Der eine Zopf zur Hälfte über dem linken Oberarm, der andere vor der rechten Schulter. Das Kleid reichte bis an ihre Schienbeine und die Blumen als Muster waren gut zu erkennen. Es war das weiße Kleid mit dem blauen Blumenmuster. Die braunen Schuhe waren bis über die Knöchel geschnürt. Die weißen Strümpfe saßen ordentlich, der Rocksaum bedeckte sie ab den Schienbeinen.   „Ja, das ist die Kleine.“ sagte ich.   „Ich habe sie in diesem Jahr das erste Mal gesehen. Es war im Mai 1940. Da habe ich sie zweimal gesehen und dann die Zeichnung gemacht.“ erzählte Frau Luise. Auch ich hatte sie zweimal gesehen. Einmal am 2.Mai und einmal am 12.Mai, an meinem Geburtstag.   Ich hatte eine Art Glücksgefühl empfunden als ich sie sah. Diese Hochstimmung hielt dann noch eine ganze Weile an. Besonders wenn ich an mein Leben dachte.   „Ich habe mich irgendwie…sehr glücklich gefühlt als ich sie sah.“ fuhr Frau Luise fort. „Das trifft es am besten wenn man die Gefühle beschreiben möchte, die man bei ihrem Anblick hat.“   Ich legte das Blatt geschlossen wieder zwischen die Albumseiten. Meine Finger fühlten sich sehr kalt an. Frau Habolt nahm meine Hand zwischen ihre Hände und legte diese auf das Album. Wir saßen zusammen, meine liebe Freundin hielt meine Hand und wir fühlten uns verbunden.   „Ich wußte vom ersten Moment an, dass uns etwas verbindet, Elenor.“   Meine Augen wurden feucht und ich wusste nun, dass man auch das Gefühl haben konnte am liebsten vor Freude zu weinen.   „Wir sind so etwas wie Glückskinder.“ hörte ich ihre angenehme Stimme erzählen. „Meine Mutter hat mir dann erzählt was es mit dem Mädchen auf sich hat und ich gebe es jetzt an sie weiter, Elenor. Denn Sie gehören zu dem Kreis der besonderen Menschen, die diese Begegnungen wahrnehmen. Manche sehen beide Kinder. Es sind im Verhältnis nur wenige. Manche sehen den Bruder. Diesen Menschen ergeht es gut, sie erreichen viel, bringen es sogar zu Reichtum. Aber Menschen wie Sie und ich beneiden diese Menschen nicht. Wir sehen die kleine Schwester und was wir dabei empfinden würden wir für nichts in der Welt eintauschen! Der Name des Bruders ist Wohlstand, der Name seiner kleinen Schwester ist Zufriedenheit.“

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