Besondere Begegnungen 4

Ich ging hinunter in die Küche.   „Nanu, ist es denn schon neun?“ fragte meine Mutter und lächelte. „Alles Gute zum Geburtstag, mein Schatz.“ Sie umarmte mich und gab mir einen Kuss.   Mir fiel wieder auf wie jugendlich meine Mutter aussah. Nicht auf jung „getrimmt“ sondern jung geblieben.   Kevin kam dazu und wir ließen uns am Frühstückstisch nieder. In der Mitte des Tisches stand mein Geburtstagsstrauß.   „Alles Gute zum Geburtstag, liebe Lore.“ meinte Kevin. Ich reagierte nicht. Er lächelte süß. „Ganz schön alt, lie-be Lo-re.“   Ich lächelte noch süßer zurück. „So hei-ße ich nicht!“ Meine Augen hatten dabei anscheinend den bei meinen Brüdern bekannten „Schwesternblick“. Kevin sagte nichts weiter und konzentrierte sich auf das Frühstück.   Kurz bevor er sich auf den Weg zur Schule machte kam unsere Tante Charlott mit ihrem jüngsten Sohn Andy. Sie wohnt zwei Häuser weiter in unserer Straße und ist die jüngere Schwester unserer Mutter. Sie ist mit dem jüngeren Cousin unseres Vaters verheiratet, womit die Familienmitglieder, die besonders viel Spaß verstehen und als Frohnaturen bekannt sind, ihr passendes Gegenüber scheinbar gefunden haben.   „Alles Gute zum Geburtstag, mein Sonnenschein.“ Meine Tante umarmte mich. Mein Cousin fand es mit vierzehn Jahren scheinbar nicht mehr passend mich zu umarmen und schüttelte mir die Hand. „Happy Birthday.“   „Er wollte unbedingt dein Gesicht sehen wenn du dein Geschenk aufmachst.“ erläuterte Tante Charlott.   Ich öffnete Andys Geschenk und freute mich sehr über einen kleinen Traumfänger. „Vielen Dank, Andy.“ Er schmunzelte und zwinkerte Kevin zu, der gerade hinter mich getreten war. Sein Arm kam an meinem Oberarm vorbei nach vorn und er legte mir ein Päckchen auf die Handfläche. „Happy Birthday, Schwesterherz.“   Ich wickelte es aus dem Geschenkpapier und nahm den Deckel von der kleinen Schachtel. Ich sah überrascht auf den Modeschmuck. Ohrringe mit Tapasanhängern wie Indianerschmuck. Mein nerviger kleiner Bruder kannte also meine Vorlieben. Ich umarmte ihn und bemerkte, dass er mich wirklich um einen Kopf überragte.   Die beiden Jungen machten sich auf den Schulweg und ich freute mich auf einen „Frauentag“ mit meiner Mutter und meiner Tante. Auf einen ausgedehnten Kaffeeklatsch, Bummeln in der City, Essen beim Lieblingschinesen und dem Einlösen meiner Gutscheine von ihnen für eine DVD und ein Buch aus der Reihe der „Twilight Saga“. Ich war ein großer Fan genau wie meine Mutter und meine Tante.   Ich war Superstimmung und fragte meine Mutter beim Kaffee ob sie unseren Nachbarn gehört hatte.   „Nur Bruchstücke.“ meinte sie. „Er hat etwas von einem Bengel erzählt. Ich habe dann Radio gehört.“   „Ja.“ stimmte meine Tante zu. „Etwas von einem Bengel. Ich habe zuerst gedacht, er meint Andreas. Aber dann hat er weiter geredet. Der Junge, den er meinte war wohl jünger.“   Auf meine Frage ob sie den Jungen auch gesehen hätten verneinten beide.   Ich erzählte von dem kleinen Mädchen, welches ich gesehen hatte. Meine Mutter hatte sie nicht gesehen.   Tante Charlott überlegte kurz. „Ein kleines Mädchen mit langen Zöpfen.“sagte sie dann. „Ja, blond ist sie, glaube ich gewesen. So eine süße Maus.“   „Dann hast du sie gesehen?“   Sie dachte wieder kurz nach. „Heute nicht. Die Kleine, die ich gesehen habe, stand auf der Straße vor meinem Fenster als ich das Zimmer in Wedding hatte. Ich war noch nicht verheiratet. Lange Zöpfe hatte sie…an das Kleid kann ich mich nicht mehr erinnern. Und solche Schuhe zu Schnüren hat sie getragen. Es war bestimmt eine andere Kleine. Die ist mittlerweile längst erwachsen und äter als du.“ Sie lachte und auch meine Mutter lächelte. Ich lächelte zurück und konnte den komischen Gedanken nicht loswerden, dass von dem selben Mädchen die Rede sein musste.   „Manche Leute ziehen ihre Kinder komisch an.“ meinte meine Tante dann. „Es waren die Achziger und Retro-Look ist ja ganz schön aber dass war schon mehr altmodisch.“   Altmodische Kleider. Es musste mehr als ein Zufall sein. Tante Charlott erzählte dann, dass die Nachbarin am Anfang des Monats in der Bäckerei der Inhaberin in ihrer Gegenwart erzählt hatte, ihr Mann habe sich über einen Jungen geärgert. Der habe am Morgen am Zaun gestanden und sei dann weiter gegangen. Er habe Hosen bis zu den Knien angehabt, eine Weste und eine Hemd mit aufgerollten Ärmeln. Kniestrümpfe und Schuhe bis an die Knöchel und eine Schiebermütze auf dem Kopf. Er habe die Sachen seines Großvaters angehabt und sei frech durch die Gegend gelaufen, meinte ihr Mann. Ob sie den Jungen auch gesehen hätten. Die Bäckersfrau und meine Tante verneinten.   „War das ein anderer Junge oder der von heute morgen?“ fragte meine Mutter. Tante Charlott zuckte die Achseln. Gute Frage. Waren das immer die gleichen Kinder, dieser mysteriöse Junge und mein kleines Mädchen?   Meine gehobene Stimmung hielt während des ganzen Tages an und ich fühlte so etwas sie Zufriedenheit. Nestwärme, Freude, Familiensinn, Freude an meinem Leben. Trotz Hochs und Tiefs und einer Beziehung, die vor vier Monaten nach drei Jahren zu Ende gegangen war, fühlte ich Zuversicht. Es gab niemanden in meiner näheren und auch weiteren Umgebung mit dem ich hätte tauschen wollen.

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