Besondere Begegnungen 3

Am Morgen meines Geburtstages wurde ich gegen 6:00 Uhr in meinem alten Zimmer wach.   Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, an meinen Urlaubstagen auszuschlafen und meiner Mutter am Vorabend gesagt, dass ich nicht vor 9:00 Uhr herunter kommen würde.   Etwas zog mich zum Fenster, ich stand auf und öffnete es weit.  Und da stand sie am Gartenzaun. Mit Zöpfen und Schleifen, dem Kleid und den Schnürschuhen aber mit glatten ordentlichen Strümpfen.   Sie sah einem kleinen Vogel hinterher, der zwitschernd weg flog und schaute dann mit ihrem strahlenen Lächeln zu meinem Fenster im ersten Stock.   Wie schon beim ersten Mal konnte ich nichts anderes tun als zurück zu lächeln. Ehe ich weiter reagieren konnte hüpfte sie munter am Gartenzaun entlang davon. Am Ende des Zauns hüpfte sie um die Ecke und war fort.   Wieder war meine Stimmung besonders freudig. Ich legte mich bis gegen 7:30 Uhr auf mein Bett und hörte Musik über Kopfhörer.   Dann sang ich unter der Dusche.   „Oh nein!“ hörte ich meinen Bruder Kevin rufen. „Die Diva ist wach. Mom, kann ich runter in dein Bad?“   „Klar doch!“ rief meine Mutter aus der Küche zurück.   Ich ließ mich von dem Nesthäckchen nicht aus der Ruhe bringen. Schließlich war ich auch einmal 18 und er würde es nicht ewig bleiben.   Maurice, der vor drei Jahren ausgezogen war um in Heidelberg ein Fachstudium zu beginnen, konnte mich mit seinen Sprüchen manchmal mehr aus der Reserve locken. Aber er war mittlerweile nicht mehr so erpicht darauf, die große Schwester zu ärgern.   Als ich mich in meinem Zimmer anzog, hörte ich durch mein Fenster die Stimme meines Nachbarn von gegenüber, der im Garten vor sich hin schimpfte.   Er und seine Frau waren, wie die Nachbarn von Frau Habolt, in den Sechzigern und kinderlos.  Die Kinderlosigkeit lag meiner Meinung nach nicht an den Frauen.   Beide Paare waren an gutem Lebensstil und Reisen interessiert und die Männer hatten an Kindern viel auszusetzen. Besonders wenn diese spielten und lachten.   Zum Glück wohnter der Nachbar von gegenüber erst seit einem Jahr hier und hatte unsere Kindheit nicht gestört.   „Wieso war dieser Bengel heute früh am Zaun.“ hörte ich ihn sagen. „Sieht einen frech an, schiebt sich die Kappe in den Nacken und geht einfach weg. Ohne ein Wort zu sagen. So ein Lausebengel. Und die Hände in den Taschen.“   „Heinz, komm doch wieder rein.“ sagte seine Frau.   Ich ging ans Fenster und sah hinüber.   Seine Frau stand an der Haustür und versuchte ihren Mann zu beruhigen, der am Gartenzaun stand. Er blickte den Fußweg entlang bis zur Ecke. Dann sah er mich am Fenster stehen.   „Guten Morgen.“ Ich schenkte ihm ein Lächeln.   Er reagierte nicht auf meinen Gruß.   „Haben Sie auch diesen Bengel gesehen, der heute morgen hier war?“ fragte er stattdessen. „So einer von der ganz frechen Sorte.“   Ich verneinte.   „Vielleicht hat er ja Zeitungen ausgetragen.“ meinte seine Frau.   „Der und Zeitungen ausgetragen. Leere Hände hatte der. Mindestens zwölf und läuft mit leeren Händen durch die Gegend und sieht einen frech an.“   „Vielleicht war er ja fertig.“ versuchte seine Frau es wieder. Sie sah mich an als wolle sie sich bei mir entschuldigen. Dann wandte sie sich wieder an ihren Mann. „Komm doch rein, mein Lieber. Es gibt Frühstück. Er ist doch längst weg.“   Mein Nachbar ließ sich überreden und ging ins Haus. Ohne Gruß drehte er sich um und ging an ihr vorbei hinein. Sie nickte mir zu bevor sie die Tür schloss und ich nickte zurück.   Ich hatte sie nach dem kleinen Mädchen fragen wollen, ließ es dann aber.   Sollte sie mit ihrem Mann frühstücken, der sich hoffentlich bald wieder beruhigte.

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